Die verlorenen Dörfer der Johannisburger Heide
Quelle: 70. Sensburger Heimatbrief 2025
Seite 34 - 40


Die zwei Bände von Krzysztof A, Worobiec sind nur in polnischer Sprache erhältlich.
Vielen Dank Herr Worobiec, dass wir Ihre Zusammenfassung in deutscher Sprache, auch hier auf unserer Internetseite veröffentlichen dürfen.

Text:     Krzysztof A. Worobiec
Kadzidtowo 1 ,12 220 Ruciane Nida/Polen
Tel. +48 87 425 74 74. + 48 601 094 641


Von dem Dorfe Sowirog hat noch keine Chronik erzählt. Die Chronik erzählt nicht von verlorenen Dörfern. Sie liegen an den Seen und Mooren jenes östlichen Landes, mit grauen Dächern und blinden Fenstern, mit alten Ziehbrunnen und ein paar wilden Birnbäumen auf den steinigen Ackerrainen. Der große Wald umschließt sie, und ein hoher Himmel mit schweren Wolken wölbt sich über ihnen. Eine sandige Straße zieht zwischen ihren verlassenen Gartenzäunen entlang [...]. Sie ist eine namenlose Straße. Und so sind auch die Dörfer. Sie sind so klein, dass ihre Namen nur auf den Karten verzeichnet sind, die der Soldat im Manöver braucht, und auch dort nicht einmal mit Sicherheit. Sie tragen Namen von einem fremden, traurigen Klang, alte Namen sogar, aber schon hinter der Kreisgrenze kennt sie niemand. Sie sind wie Gräber aus den Zeiten lang vergessener Kriege, eingesunken, mit verwischter Schrift*1.


*1 E. Wiechert, Die Jerominkinder, 1. B., München, 1945, s. 29.


Die Handlung Ernst Wiecherts Saga „Die Jerominkinder", einer der spannendsten masurischen Lektüren spielt in Sowirog, am Niedersee, in einem der Heidedörfer, die der Schriftsteller als „verloren" bezeichnete und mit zusammengesunkenen Gräbern aus vergessenen Zeiten verglich. Die Worte des Autors erwiesen sich als prophetisch, denn kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sind vom Dorf der literarischen Familie Jeromin nur noch geplünderte Ruinen geblieben. Ein ähnliches Schicksal teilten auch viele andere „verlorene" Dörfer, deren „leere Namen" heute nur noch auf alten Karten zu finden sind.


Sie wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten und aus verschiedenen Gründen errichtet, lagen aber im gleichen Gebiet: von dem Fluss Pissek bis zum Niedersee. Das älteste Dorf war Dlottowen, in den Zeiten der Kreuzritter gegründet, das jüngste Dorf, die Siedlung Schastenbruch, existierte erst seit Ende des 19. Jahrhunderts. Einige Dörfer hatten eine lange, turbulente und sehr interessante Geschichte (Dlottowen) oder nur interessante Momente in der Geschichte (Walddorf) und wiederum von anderen weiß man ganz wenig. Es befanden sich hier die Dörfer, deren Anfänge mit der Jagd (Walddorf), der Forstwirtschaft (Eichenwalde), dem Fischfang (Niedzwedzen), der Gastwirtschaft (Dziadowen), der Imkerei (Loterswalde), der Landwirtschaft (Karpa) und sogar mit der Eisengießerei (Wondollek) zusammenhängen.


Einige davon waren groß (Dziadowen zählte fast 500 Einwohner), andere bestanden nur aus 2 oder 3 Bauernhöfen (Janina, Grodzia, Dziadken). Ihre Gemeinsamkeit war ihr Ende, welches von den beiden Weltkriegen entscheidend beeinflusst wurde. Der Erste Weltkrieg hat vor allem große materielle Verluste verursacht, was paradoxerweise zur Modernisierung der Provinz während des Wiederaufbaus und auch zur Besserung der Lebensbedingungen der Einwohner der kleinen Dörfer in der Johannisburger Heide geführt hat.


Der Wiederaufbau und die Verklärung der Ostpreußen, sowie der Sieg bei der Volksabstimmung haben jedoch gesellschaftliche Veränderungen beschleunigt (Verdrängen der polnischen Sprache, Stärken der pro-staatlichen Gesinnung) und führten zur Assimilation dieser „fernen Provinz" mit dem deutschen Staat und großem Zuspruch der nationalistischen Bewegungen (bei den Wahlen 1933 erreichte NSDAP im Kreis Lyck 80,38 %, im Kreis Johannisburg 76,6 % - das waren die höchsten Ergebnisse im ganzen Reich!). Die Konsequenz der nationalsozialistischen Politik unter der Führung von Adolf Hitler war der Zweite Weltkrieg, der unter anderem der Geschichte Ostpreußens ein jähes Ende gebracht hat. Im Januar 1945 wurde die Geschichte der im Buch beschriebenen Dörfer tragisch unterbrochen (mit einer Ausnahme). Aktuell existieren die Dörfer entweder gar nicht mehr oder nur ihre Überreste: in Hinter Lippa blieb nur ein Gebäude erhalten, in Niedzwedzen und Sparken je zwei Gebäude.


Dieses abrupte Ende fing mit der verspäteten Evakuierung, chaotischer Flucht der Bevölkerung im Januar 1945 und Ankunft der Front an. Nach dem Abzug der Front, Ende Januar 1945, wurde das Gebiet des jetzigen Kreis Johannisburg, ähnlich wie der ganzen Re¬gion Masuren, entvölkert. In den meisten Dörfern sind fast keine Einwohner mehr übrig geblieben. Nur die einzelnen Höfe blieben bewohnt, entweder von denen, die vor der Roten Armee nicht geflüchtet sind oder von denen, die zurückgekommen sind, nachdem sie die Hoffnungslosigkeit der Evakuierung eingesehen haben (in Loterswalde ist ein einzelner Hof von den 13 ehemals bestehenden bewohnt geblieben).


Es kam die Zeit der Plünderungen und Überfälle, die von den russischen Soldaten, polnischen Milizen, Nachbarn hinter der ehemaligen polnischen Grenze und Ankömmlingen aus den ferneren Gebieten Polens begangen wurden. Zuerst sind die Russen gekommen. Sie betraten die Johannisburger Heide am 24. Januar 1945, nachdem sie den Grenzfluss Johannisfluss überquert haben und fingen mit der hemmungslosen Vergeltung an. Die ostpreußische Zivilbevölkerung musste für die Verbrechen des deutschen Heeres in der Sowjetunion büßen. Erlaubt wurden Überfälle, Vergewaltigungen und Morde. Im Grenzdorf Thurowen am Rande der Johannisburger Heide haben die sowjetischen Truppen 15 Personen ermordet, 9 davon waren Frauen. Während des Angriff auf Johannisburg (am 25. Januar) wurde ein Nachbarsdorf Niedzwedzen komplett zerstört. Sowjetische Soldaten stahlen alles, was nur ging. Eine Anwohnerin eines Heidedorfes Samordey erinnerte sich, dass:


Die Russen, die zu uns kamen, sind nur zum Rauben gekommen, sie liefen durchs Haus und nahmen allen, was nicht niet- und nagelfest war. Vor allem Schuhe und Uhren [...]. Die verlassenen Dörfer sind einfache Beute für die polnischen Plünderer geworden. Ein ehemaliger Einwohner des nicht mehr existieren Grenzdorfes am Fluss Pissek erinnerte sich:
Wollisko wurde Ende 1945 komplett zerstört, weil es nach dem Rückzug der Roten Armee zu Plünderungen kam. Unser Familienhaus wurde damals von einem polnischen Arbeiter namens Pawel auseinandergenommen (er musste während des Krieges in Wollisko arbeiten), dann wegtransportiert und nahe der früheren deutsch¬polnischen Grenze neu aufgebaut, im ersten polnischen Dorf hinter Dlottowen.


Banden der Plünderer haben Feuer entfacht, indem sie Holzgebäude ansteckten, um die Aufmerksamkeit der restlichen Dorfeinwohner abzulenken, die Spuren zu verwischen und die kriminelle Machenschaften zu erleichtern. Aufgrund der Brandstiftungen wurde z.B. 3/4 der Bebauung in Kreuzofen und fast das komplette Dorf Walddorf vernichtet. Auf die Tätigkeit von den Plünderern machten sogar die Vertreter der neuen Behörden aufmerksam. Dr. Jakub Prawin, Bevollmächtigter der Regierung der Volksrepublik Polen für den Kreis Masuren erstattete im Juni 1945 folgenden Bericht:


Seit längerer Zeit erreichen mich Beschwerden über sog. Plünderer, die massenweise aus der Gegend von Bialystok in die östlichen Kreise des Bezirkes Masowien strömen. Kreislandräte aus Marggrabowa, Lyck, Goldap, Johannisburg und sogar Angerburg teilen mir mit, dass auf ihren Gebieten ganze Kolonnen erscheinen, des Öfteren von der Milizeinheiten begleitet und von Amtspersonen geführt, mit der Absicht, die von den Deutschen hinterlassenen Habe wegzubringen und somit das Land zu berauben.


Geraubt wurden nicht nur Möbel, Haushalts- und Wirtschaftsgeräte, auch ganze Höfe wurden abgetragen und die verlassenen Dörfer sind zu Baumaterialienlagern heruntergekommen. Das gewonnene Baumaterial wurde für Bau der neuen Häuser und Instandsetzung der alten genutzt. Ein Pole, ehemaliger Einwohner des Kreises Kolno erinnerte sich:


Später, als die Russen kamen, fuhren die Polen, die nah an der Grenze wohnten, nach Preußen, um alles zu rauben [...]. Wenn man in so ein Dorf kam, stand im Haus auf dem Tisch noch alles... Teller, Töpfe. Sie sind weggefahren und das alles blieb [...]. Und später haben einige sogar die von den Bewohnern verlassenen Holzhäuser - weil ein Teil der Deutschen umgekommen, ein Teil hinter die Oder geflüchtet ist - auseinandergenommen und brachten sie nach Polen rüber.


Auf diese Weise sind die Dörfer in der Johannisburger Heide eins nach dem anderen verschwunden. Dieses Schicksal teilten die im Buch beschriebenen Dörfer: Dlottowen, Dziadowen mit Wrobeln und Pietzuchen, Grodzia, Janina, Karpa, Niedzwedzen, Hinter Lippa und Vorder Lippa, Henriettental, Groß Pasken, Klein Pasken, Piskorzewen, Vorder Pogobien, Przyroscheln, Hammergehsen, Loterswalde und Samordey, Schast mit Schastenbruch, Sparken, Wondollek, Wielgilass, Groß Wollisko, Klein Wollisko, Wilken mit Wollka, Kaltenfliß, sowie Förstereien und Waldsiedlungen: Birkenbuch, Eichenwalde, Dziadtken, Fichtenwalde, Eppenforst, Hahnebruch, Bärenbruch, Wolfsbruch, Schast und Wiartel. Sichtbares Zeugnis der menschlichen Existenz sind heute nur die Fundamente der Häuser und die verlassenen Friedhöfe.

Ausstellung „Verschwundene Dörfer in Masuren“ 2024 in Dortmund Westfalenhallen, Hauptkreistreffen der Kreisgemeinschaft Johannisburg.


Das in den Jahren 2000-2002 erwachte Interesse an umliegenden Friedhöfen als Spuren der Geschichte und Kultur von Masuren, die spätere Lektüre des Buches „Die Jerominkinder" und die Suche nach dem dort beschriebenen Dorf inspirierten mich dazu, dieses Buch zu verfassen und ein Projekt „Die verlorenen Dörfer der Johannisburger Heide" auszuarbeiten. Die Grundsätze meines Projektes sind:


entdecken - das, was über ein halbes Jahrhundert in der
Wildnis versteckt von den einstigen Dörfern übrig blieb und
was langsam von der Natur verschlungen wird;

lesbar machen - die Friedhöfe aufräumen, vor weiterer
Zerstörung sichern,  umzäunen,  Infotafeln aufstellen,  reinigen, konservieren  und  rekonstruieren der Anschriften  auf den Grabplatten;

wiederherstellen - der Erinnerung, der Geschichte von den
Orten und dort lebenden Menschen, aufgrund der wenigen
erhaltenen Grabplatten; vorbereiten der Publikation, der
Karte, bestimmen einer Route für Touristen, aufstellen der Infotafeln mit Kurzinformationen in jedem Dorf;

bilden und wecken von lokalen Aktivitäten, bekanntmachen
der Idee der Freiwilligendienste.


Die schriftlich verfasste Idee meines Projektes habe ich im Mai 2008 den Partnern des Vereins „Sadyba" vorgestellt. Im April 2009 wurde eine Vereinbarung zwischen Verein „Sadyba" aus Kadzidtowo, Stiftung „Borussia" aus Olsztyn/Allenstein, Landeszentrum der Denkmalforschung und -Dokumentation in Warschau (aktuell Institut für Nationalerbe), Forstamt Pisz/Johannesburg getroffen. Ziel der Vereinbarung ist das Organisieren der Reihe von Workcamps für die Freiwilligen aus Polen, Russland und Deutschland.
Dieses Projekt wurde von den Freiwilligen aus Polen, Russland und Deutschland in den Jahren 2009-2011  realisiert sowie nach dem Aufnehmen der Zusammenarbeit zwischen der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus und dem Verein der Freunde des Alten Lyzeums in Pisz/Johannisburg, von den Studenten der Heinrich-Heine-Universität und der Ermländisch-Masurischen Universität in den Jahren 2017-2019 weiter verfolgt.


Im Rahmen des Projektes wurden die folgenden Friedhöfe aufgeräumt (chronologisch): in Loterswalde, Wondollek, Walddorf, Schast, Piskorzewen, Groß Wollisko, Groß Pasken und Klein Pasken, Wilken, Vorder Pogobien, sowie Vorder Lippa, Hinter Lippa und Dziadowen.









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